Geschichte

„Am 2. Weihnachtsfeiertage 1884 kam ein junger Mann aus Salza, mit Namen Karl Wagner, der bei dem hiesigen Böttchermeister Schmidt beschäftigt war, in meine Wohnung, um sich Zigarren zu kaufen. Im Lauf der Unterhaltung kam auch zur Sprache, dass Niedersachswerfen, ein Ort von 2.000 Einwohnern, noch keinen Turnverein habe. Da ich gern für die Sache eintrat, aber keinen Anfang wusste, so erbot sich Wagner, mir sein Statut als Unterlage zu bringen, was anderen Tages auch geschah. Ich schrieb es ab, formte es für uns passend um und zeigte es meinem Bruder Fritz, welcher alles gern mitmachte und angab, auch sein Schwager Albert und Emil Hattenhauer für die Sache zu gewinnen. Für den nächsten Sonntag wurde eine Besprechung bei dem neuen Wirt Gustav Rollberg vereinbart. Während dieser kamen von dem Nebentische der Schuhmachermeister Fr. Schmidt und der Zimmermann Wilhelm Schrödter, die uns zugehört hatten, zu uns herüber, und erklärten, sie möchten gern mitmachen. Es wurde nun beschlossen, dass ich anderen Tags nach Ilfeld zum dortigen Landrat Amtshauptmann v. Fernetti gehen sollte, um ihm die Angelegenheit zu unterbreiten. Der Herr Landrat begrüsste die Gründung eines Turnvereins und versprach, uns in jeder Weise zu helfen und zu beraten.

Da uns nun nichts mehr im Wege stand, bestimmten wir als Gründungstag den 11. Januar 1885, setzten die Turnstunden für Donnerstagabend jeder Woche an und wählten den Vorstand. Dieser bestand aus den Turnbrüdern Albert Hattenhauer, Vorsitzender und Turnwart, Fr. Köhler, Schrittwart, und Theodor Köhler, Kassenwart. Die ersten notwendigen Geräte fertigten wir selbst an, und zwar Reck, Barren, Sprungbrett und Sprungständer. Die Reckstange (Eisenrohr) hatte ich für 3,- Mark von dem Schmiedemeister Potinus in Ilfeld gekauft, sie hat ihre Dienste für mehrere Jahre hindurch erfüllt.“

Heinrich Brandes 1935

 

Das war also die Geburtsstunde unseres Vereines! Heutzutage sind gewiss einige bürokratische Hürden mehr zu nehmen… Trotzdem hatten es unsere Turnbrüder nicht leicht, galt es doch anfangs, mit einem Monatsbeitrag von 25 Pfennigen pro Kopf zu haushalten. Die Mitgliederzahl erhöhte sich rasch auf 40 Sportler und anno 1887 wurde die Vereinsfahne geweiht. Der aufmerksame Beobachter erkennt im Schild der Dame die 4 „F“, die für das Motto des Vereines stehen:„frisch – fromm – frei – fröhlich“. Am 4. Februar 1900 wurde ein Stück Land als Turnplatz erworben. Trotz allen Feilschens mussten dem Eigentümer Hermann Bennemann 1405,50 Mark in bar auf den Tisch gelegt werden. Für diese unrunde Summe bedankten sich unsere Brüder auf ihre ganz eigene Art und Weise: sie luden ihn so lange auf ein neues Bier ein, bis der Arme wie tot sturzbetrunken im Nordhäuser Bahnhofssaal herumlag – das Geld in seiner Tasche! Bestohlen wurde er – leider –nicht.

1891 splitterte sich der Verein auf. Die starken Sachswerfer Charakterköpfe entzweiten sich über verschiedenen Meinungen und Ansichten und es entstand der „Friesen 1885“, der „MTV“ blieb. In den nachfolgenden Jahren gab es immer wieder Bestrebungen, die beiden Vereine wiederzuvereinigen, doch es gelang zunächst nicht …
Foto: MTV

Vereinsfahne

Foto:Archiv MTV

Mit dem Erwerb des Grundstücks war es nicht weit zur Errichtung einer Sporthalle nach Vorbild der Halle in Dehne. Unglaubliche 12.000 Mark mussten damals aufgebracht werden, um die noch heute rege genutzte Mehrzweckhalle zu errichten. Die Mitgliederzahl belief sich damals auf 42 Turner – wohlgemerkt: mit  persönlichem finanziellen Risiko. Sicher hing damals so mancher Haussegen schief ob des Hobbys des verrückt gewordenen Ehemannes! Am 01. September 1901 konnte Einweihung gefeiert werden.
                                                Foto:Archiv MTV
Der folgende 1. Weltkrieg verschlang 23 Vereinsmitglieder (Friesen und MTV) mit „Eisen und Blei“, Nach dem Kriege wurde der Turnbetrieb rege aufgenommen. 1922 zählte man 144 Mitglieder, Zöglinge und Damen. 1925 stand man kurz vor einer Aussöhnung der beiden Vereinssplittergruppen und in 1933 gelang schließlich – sicherlich auch aufgrund gewisser Einflussnahme von „Oben“ – der Zusammenschluss. Der MTV zählte von Stund an 165 Mitglieder und man blickte auf 215 Mark in der Vereinskasse.

 

 

 

Der Leser ahnt bereits, dass auch für den MTV Niedersachswerfen bald erneut eine dunkle Seite der Geschichtsschreibung aufgeschlagen würde. Doch noch können wir uns an den sportlichen Erfolgen unserer Sportbrüder und –schwestern von damals erfreuen. Unser lieber Sportfreund Karl Fischer schrieb doch glatt Sportgeschichte, als er als Teilnehmer des Turnkader in 1936 an den Olympischen Sommerspielen in Berlin teilnahm. Sportbruder Karl saß zwar „nur“ auf der Auswechselbank, das hielt ihn jedoch nicht davon ab, nach Ende der Spiele, zusammen mit seinen berühmten Kameraden, ein Schauturnen in unserer Vereinshalle abzuhalten. Alle Plätze waren bis aufs Letzte ausverkauft. Noch heute kann man sich daran erinnern, dass Teile der heutigen Gaststätte „Handwagen“ geräumt werden mussten, um die Anlaufstrecke entsprechend zu verlängern!

 

 

Im Jahre 1938 werden die Vorboten für einen drohenden Konflikt immer deutlicher. In diesem Jahr lagerte man 1,5 Meter hoch Weizen in der Turnhalle ein – als Nahrungsmittelreserve für kommende schlechte Zeiten … Das Turnen war nur noch auf der Bühne möglich.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges im September 1939 und den damit einhergehenden Einberufungen kam der Vereinsbetrieb zum Erliegen. Viele Sportbrüder sahen sich nun ihrem ganz persönlichen Einzelschicksal gegenüber. Der spätere Vereinsvorsitzende – Georg Kramer – beispielsweise, wurde zunächst ab dem 19.02.1943 im Arbeitsdienst an der Weichsel eingesetzt. Hier hatte Sportfreund Georg Stellungen auszuheben. Später, nach seiner Versetzung nach Mittelitalien, wurde er Teil der „Bespannten Truppe“. Mit Rössern ausgestattet trotzte man der wilden Bergwelt der Apenninen. Als Teil der Artelleriebeobachtung geriet er in Amerikanische Gefangenschaft. Aufgrund der Lebensmittelknappheit, die es den Alliierten erschwerte, die Gefangenen zu versorgen, bediente man sich der mitgeführten Pferde, um den hungrigen Magen zu füllen. Am 11.04.1945 – an einem wunderschönen Frühlingstag – marschierten die ersten amerikanischen Truppen durch Niedersachswerfen und das Ende des Krieges ließ nicht mehr lange auf sich warten. Schon recht früh, bereits im Juni 1945, kehrte Georg nach Niedersachswerfen zurück. Nun galt es zunächst, das am Boden liegende Land wieder aufzurichten. Trotzdem zählte der MTV Niedersachswerfen gegen Ende des Jahres 1945 bereits wieder ca. 100 Mitglieder!

Mit Entstehung des geteilten Deutschland und der damit verbundenen politischen Entwicklung in Ostdeutschland gingen die klassischen Sportvereine oftmals in sog. Betriebssportgruppen (BSG) auf. Hier endet zunächst die Geschichte des MTV Niedersachswerfen. In den 50er Jahren wurde der fakultative Sportbetrieb in Niedersachswerfen durch die BSG „Chemie“ gestaltet. Einige Turner wandten sich Ende der 50er Jahre nach Nordhausen/Krimderode und organisierten sich in der BSG „Einheit“ (Name nicht sicher). Diese schicksalhafte Entwicklung des Vereins sollte seine Auswirkungen bis in die späten 90er Jahre entfalten! Bis zur vorläufigen Auflösung des MTV trug der Verein nämlich den vollständigen und korrekten Namen „MTV Niedersachswerfen 1885 e.V.“, nach unserem Gründungsjahr.

Über den Verlauf der nächsten 5 Jahrzehnte kann der Verfasser keine genauen Angaben machen. Fakt ist aber: das Interesse an der sportlichen Ertüchtigung ist natürlich auch in Niedersachswerfen nie erloschen … Nur um ein Beispiel zu nennen: nach seinem Herzug nach Niedersachswerfen in den beginnenden 1980er Jahren versammelte der damalige ABV (Abschnittsbevollmächtigte, später Kontaktbereichsbeamte) Hugo Ehrhardt (siehe Vorstand) eine Kinder- und Jugendsportgruppe der Niedersachswerfer POS (Polytechnische Oberschule) „Otto-Grotewohl“ um sich und trainierte diese bis in die 1990er Jahre hinein sehr erfolgreich in der Leichtathletik. Diese Aktivitäten erfolgten natürlich zunächst losgelöst vom MTV Niedersachswerfen, an den zu dieser Zeit (noch) nicht zu denken war.
                    Foto:H.Ehrhardt
Die „Wende“! Endlich wächst zusammen, was zusammen gehört. Mit dem politischen Umschwung besannen sich unsere Sportbrüder und –schwestern auch schon bald auf die Wurzeln des MTV Niedersachswerfen und man belebte den Verein neu. Die Initialzündung setzten dabei unsere Sportfreunde Georg Lüdecke, Richard Penzols, Gisela Götze, Gottfried Stein, der Tischler Patze, Otto Jatho und Otto Kramer. Die Neugründung des Vereins erfolgte am 04.05.1992 im Vereinsregister des Amtsgerichtes Nordhausen. Tischler Patze zimmerte den Aushangkasten, der noch heute am „Sachswerfer Handwagen“ seinen Dienst verrichtet. Unser erster Vereinsvorsitzender nach der „Wende“ wurde unser Sportfreund Georg Kramer. Zunächst galt es, das Vereinsgebäude zu erhalten. Unsere altehrwürdige Turnhalle wurde durch die Treuhand (Finanzverwaltung Thüringen) verwaltet und sollte veräußert werden. Der MTV Niedersachswerfen setzte sich dafür ein, dass die Gemeinde Niedersachswerfen die Halle erhielt. Der MTV Niedersachswerfen startete seine Aktivitäten mit etwa 50 Turnbrüdern und Turnschwestern. Als eine der ersten Sektionen entstand hierbei die Senioren-Aerobik-Gruppe „Querbeet“. Du kannst dich über die Gruppe in dem Abschnitt „Sektionen“ informieren. Bereits 1991 nahm „Querbeet“ seine Aktivitäten auf. Ganz sicherlich ist dies ausschließlich dem Verdienst von Frau Beloch zu verdanken, die sich in sagenhafter Eigeninitiative um die erforderlichen
Qualifikationen gekümmert hatte.
Foto:MTV
Auch die Senioren-Gymnastikgruppe rund um die Übungsleiterin Christa Mühlhaus und eine weitere Gymnastikgruppe (heute unter Leitung von Gisela Hurt) gehörten zu den Aktivisten der ersten Stunde, sozusagen leisteten die drei Frauentanzgruppen Pionierarbeit. 1992 gesellten sich dann unsere Tischtennisspieler hinzu.

 

Ende des Jahrzehnts gab es leider einen kleinen Rückschlag für unseren Verein, der sich ja bekanntermaßen bis dato „MTV Niedersachswerfen 1885 e.V.“ – nach unserem Grundungsjahr – nennen durfte. Die Behörden hatten dann doch sehr wenig Verständnis für das Geschichtliche und untersagten seit 1998 den Namenszusatz „1885“, schließlich bestand der MTV Niedersachswerfen zu DDR-Zeiten nicht mehr. Sicherlich versteht diese Auslegung einzig der Amtsschimmel und trotz tapferer Gegenwehr unseres Vereinsvorsitzenden Georg Kramer und um eine Streichung aus dem Vereinsregister zu vermeiden, entfiel seit 2001 die traditionsreiche Jahreszahl.

Aber mal Hand aufs Herz: das Kind hatte ja nur einen anderen Namen bekommen – der Begeisterung für die sportliche Ertüchtigung tat es letztlich keinen Abbruch. Im Jahre 2008 wurde unter anfänglicher Leitung von Manuela Heyder eine Kinder-Bauchtanzgruppe gegründet, die jedoch recht zeitnah durch unsere Sportfreundin Ina Landgraf fortgeführt wurde. Unsere süßen Sachswerfer Mädels sind heute unter dem Namen „Arreelini Belly Dancers“ bis über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. 2 Jahre später rief Ina Landgraf die Frauen-Tanzgruppe „Jahanara“ ins Leben. Auch diese Gruppe kann bereits auf beachtliche Erfolge zurück blicken. Im gleichen Jahr vollzog sich ein weiterer Familienzuwachs. Hugo Ehrhardt gründete die Familiensportgruppe, die sich hauptsächlich mit der Leichtathletik, aber in Anfängen auch mit turnerischen Übungen beschäftigt – dem ursprünglichen „Hauptgeschäft“ des MTV Niedersachswerfen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene bis hin zu Senioren vereinen sich in dieser Sportgruppe zu einem weiteren Standbein unseres Sportvereins.

Das Jahr 2010 hatte es scheinbar in sich: Während in den Sportsektionen reger Zuwachs enstand, gab es auch im Vorstand des Vereins Personalveränderungen. „Schorsch“ Kramer bat seine Sportkameraden um Versetzung in den Ruhestand, die Bemühungen und Zeitaufwendungen, die die Vereinsleitung mit sich bringen, sollten an die Jüngeren weiter gegeben werden. Sportfreund Hugo Ehrhardt wurde am 03.03.2010 unser neuer Vereinsvorsitzender. Lieber Georg! – für deine 27-jährige Hingabe möchte dir der MTV Niedersachswerfen auf diesem Wege herzlich danken!

Im Februar 2015 verstarb unser geachteter Sportkamerad und Ehrenvorsitzender Georg Kramer.

Kommentare sind geschlossen.